Hier gibt es eine kleine Zusammenfassung der Pfingst Open-Air Tradition - wie alles begann. Was ging in den letzten 30 Jahren???
Passau und sein kulturelles Leben waren im Verlauf der siebziger Jahre geprägt von einem Klima, das sich am besten als dominierender Einfluß von dreierlei Strömungen beschreiben läßt: Partei-Kirche-Presse. Im Passauer Stadtrat herrschte eine stabile CSU-Mehrheit und lenkte die Geschicke der Stadt unabhängig von anderen politischen Kräften, unterstützt durch die Amtskirche des Bistums Passau und die Monopolstellung der Passauer Neuen Presse. So kam es zu dieser Zeit zu aus heutiger Sicht nur schwer vorstellbaren Zuständen auch in der Passauer Kulturszene, die im folgenden nur ganz kurz und beispielhaft umrissen wird: Ein Kabarettstück des damals noch unbekannten Siggi Zimmerschied, das sich kritisch mit Machtverhältnissen in der katholischen Kirche auseinandersetzt, wurde sowohl von der Passauer Presse totgeschwiegen als auch wenige Stunden vor der geplanten zweiten Aufführung auf Anregung des Generalvikars von der Stadt verboten (vgl. Münchner Merkur vom 8.April 1976 sowie das Flugblatt von S. Zimmerschied). Auch das Passauer Scharfrichterhaus, heute ein überegional berühmter Kabarett-Spielort, wurde von der örtlichen Presse fünf Jahre und 500 Veranstaltungen lang mit einem Bericht-Boykott belegt (vgl. zitierter SZ-Bericht aus Weishäupl). Vor diesem gesellschaften Hintergrund kam es zu der Idee einiger junger Passauer, eine eigene Alternative zum bestehenden Kulturangebot der Stadt zu schaffen.
Zu diesem Zwecke wurde mit der Vorbereitung eines dreitägigen Open-Air-Festivals auf dem Thing-Platz begonnen und der „Verein zur Förderung des kulturellen Bewußtseins junger Menschen e.V. Passau“ gegründet (vgl. Auszug aus der Satzung). Als Motto der ersten Veranstaltung wurde „Steigt Passau aufs Dach“ (vgl. Logoentwurf) gewählt – auch im Hinblick auf die Lage des Veranstaltungsortes auf Oberhaus, über den Dächern der Stadt. Die Stadt teilt dem Verein auf Anfrage mit, dass für die Vergabe des Platzes die Jugendherberge zuständig sei, die diesen auch für das Open-Air zur Verfügung stellt. Erst nachträglich, ca. 10 Wochen vor Pfingsten, entschließt sich die Stadtverwaltung zum Versuch, das Festival zu verhindern: Der Grundstücksauschuß des Stadtrats lehnt die Vergabe des Platzes mit der Begründung schlechten wegebaulichen Zustands sowie einer Störung des zeitgleich stattfindenden Domfestes ab. Eine Klage vor dem Bayerischen Verwaltungsgericht in Regensburg hat Erfolg und verpflichtet die Stadt Passau zur Überlassung des Thing-Platzes für das Festival. Diese kontert daraufhin damit, zwar den Platz wie gerichtlich verfügt, zu überlassen, die Durchführung des Festivals aber ordnungsrechtlich zu verbieten. Erst acht Tage vor dem Festival beendet ein Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofes in München, der den Thingplatz in Augenschein nimmt und daraufhin noch am selben Tag die Durchführung des Open-Airs entgültig erlaubt, diesen absurden Rechtsstreit. (vgl. Urteil vom 16.Mai 1980) Was vielen zuletzt unglaublich schien, geschieht: Das 1. Passauer Pfingst-Open-Air kann schließlich vom 24.-26.Mai 1980 auf dem Thing-Platz über den Dächern Passaus stattfinden (vgl. Streiflicht der Süddeutschen Zeitung vom 24./25./26.Mai 1980) und dabei zum Grundstein einer langen Tradition werden.
Das Festival schafft es, immer mehr zu einer festen Institution im Jahresablauf des Passauer Kulturlebens zu werden. Viele Schwierigkeiten des ersten Jahres können im Laufe der Zeit durch die gewachsene Routine der Mitarbeiter des Vereins leichter gelöst werden, auch die Schulden, die im ersten Veranstaltungsjahr entstanden sind, können abgedeckt werden. Trotz verschiedener weiterhin bestehender Probleme, angefangen mit dem Finanzamt, das das anti-kommerzielle Festival kurzerhand als gewinnorientiertes Unternehmen besteuert, über verschiedenste Auflagen der Stadt Passau, z.B. zur Erhöhung der Zahl der Ordner zum Schutz vor spärlich bekleideten Mädchen (vgl. Passauer Neue Presse vom 23.2.1984) bis hin zu einer Erhöhung der für die Überlassung des Platzes zu hinterlegenden Kaution, gelingt es dem Festival, sich zu behaupten, und zwar ohne jegliche öffentliche Förderung. Gelingen kann dies nur durch die tatkräftige Mithilfe einer großen Zahl dem Festivalverein nahestehender Personen, die ehrenamtlich tätig sind. Das Festival erlangt Bekanntheit weit über die Grenzen der Dreiflüssestadt hinaus. Einerseits dient es als erste Auftrittsmöglichkeit vor einem großen Publikum für viele Nachwuchskünstler aus dem Passauer Raum, andererseits gelingt es aber auch, bekannte Acts von Außerhalb nach Passau zu holen und so die dortige Kultur entscheident zu bereichern. Zu den zu dieser Zeit auf dem Passauer-Pfingst-Open-Air auftretenden Künstlern zählten z.B. „Ape, Beck und Brinkmann“, „Bärchen und die Milchbubis“, „Cochise“, „Dario Dominguez“, „Erste Allgemeine Verunsicherung“, „Eisi Gulp“, “Die Goldenen Zitronen”, „Haindling“, „Schröders“, „Die drei Tornados“, „Schariwari“ sowie viele andere mehr.
Die neunziger Jahre waren für das Passauer Pfingst-Open-Air von zweierlei geprägt. Einerseits gelang es, den einzigartigen Charakter des Open-Airs beizubehalten, das mit seinem Flair weit über die Grenzen Bayerns hinaus bekannt wurde. Auch gelang es, die Zuschauerzahl stetig zu mehren. So waren im Jahre 1994 beispielsweise knapp 10000 Menschen auf dem Thingplatz versammelt, der aus allen Nähten platzte. Auch in Hinblick auf die musikalischen Darbietungen setzte das Open-Air jährlich neue Maßstäbe. Zu den auftretenden Künstlern zu dieser Zeit zählten beispielsweise Freaky Fuckin’ Weirdos, Linton Kwesi Johnson, James Blood Ulmer, Bluespumpn, Absolute Beginner, Dissidenten, Billy Cobham, The Busters, Chamba Wamba, Subway to Sally, Normahl, H-Blockx, Buddy Miles sowie viele andere mehr.
Andererseits konnte das Festival, zwar gefestigt durch das bereits über zehnjährige Bestehen, die schwelenden Konflikte mit den konservativen Passauer Kräften in den Behörden und in der konservativ geprägten Öffentlichkeit, nie völlig bewältigen. Während es einige Jahre lang so aussah, als hätten sich diese endlich mit dem jährlich stattfindenden Festival abfinden können, entstanden jedoch neue Probleme. Aus einer Kontroverse über einen möglicherweise nötigen Ausbau des Thingplatzes heraus und der Art und Weise dessen Finanzierung kam es im Jahre 1992 zur erneuten Eskalation: die Durchführung des 14. Passauer Pfingst-Open-Airs war gefährdet, da die Stadtverwaltung erneut die Genehmigung verweigerte. Erst kurzfristig und erneut nur auf dem Klageweg durchgesetzt konnte es dann schließlich doch stattfinden. (vgl. Auszug aus dem Programmheft 1994) Im Jahre 1996 schließlich kam es zum erneuten Eklat. Ein massiver und unerwarteter Polizeieinsatz, der zum einen in der mitunter sehr erniedrigend gestalteten Kontrollen mehrerer tausend Besucher auf dem Weg zur Veranstaltung bestand, zum erneuten Eklat. Ein massiver und unerwarteter Polizeieinsatz, der zum einen in der mitunter sehr erniedrigend gestalteten Kontrollen mehrerer tausend Besucher auf dem Weg zur Veranstaltung bestand, zum anderem auch aus einer Durchsuchung des Backstage-Bereichs der Veranstaltung, findet statt. Auch im Jahre 1997 finden wiederum umfangreiche und weitgehende Polizeikontrollen an unbescholtenen Festivalbesuchern statt, für die die Polizei die normalerweise geltende Unschuldsvermutung anscheinend pauschal außer Kraft setzt. Auch in der Presse kam es im Nachhinein zu einem massiver Schlagabtausch zwischen den beiden Lagern. Überschriften in den Passauer Zeitungen in den Tagen und Wochen nach dem Festival lauten etwa „Muß das sein? – Schwangere nackt in Polizei-Kontrolle“ , „Peinlichkeit einer peinlichen Prozedur“; außerdem gibt es Unmengen von Leserbriefen zur Kontroverse, ob der CSU-Abgeordnete mit seinem öffentlich geäußerten Ausspruch, bei den Festivalbesuchern handelt es sich um „eine Überzahl Verwahrloster“ die bei vielen Passanten „Schmähungen und Kopfschütteln“ hervorrufen, der „Atraktivität der Europastadt Passau“ schaden sowie insgesamt das Open-Air „alles anderem als der europäischen Kultur entspricht“. Die Passauer Bevölkerung scheint in dieser Frage in ihrer Meinung gespalten zu sein; während viele Toleranz von Herrn Kobler einfordern und Verständnis und Sympathie für das Festival und seine Besucher zeigen, gibt es auch zahlreiche Stimmen, die Kobler dafür danken, die Wahrheit über „diese Vandalen“ offen auszusprechen.
In den Folgejahren kam es, vermutlich zumindest in Teilen aufgrund der erniedrigenden und ausufernden Polizeikontrollen, die für viele den ungetrübten Genuß des Festivals unmöglich machten und die gute Stimmung zum kippen brachten, zu einem deutlichen Besucherrückgang, von dem sich das Festival zunächst nicht mehr erholen konnte.
„Nun machen wir das Passauer Openair-Festival schon zum 19. Mal. Ein Dinosaurier könnte man sagen. Aber Dinos sind ausgestorben. Da wir das nicht vorhaben, wurde dem alten Openair eine Runderneuerung verpasst…“, so kann man im Programmheft aus dem Jahre 1998 nachlesen, wo sich bereits abzeichnete, dass die sich über Jahren anhäufenden Schikanen von Stadtverwaltung, Polizei und einigen einflussreichen Anwohnern sowie einiger anderer Probleme es geschafft hatten, das legendäre Openair vorerst in die Knie zu zwingen. Dieses 19. Openair war dann auch trotz konzeptioneller Änderungen, mit denen versucht werden sollte, die Krise zu bewältigen, das vorläufige Ende – der Verein zur Förderung des kulturellen Bewusstseins junger Menschen e.V. gab auf, zwei Jahre lang konnte das Festival nicht stattfinden.
Nach diesem abrupten Ende der langjährigen Tradition, die aus dem kulturellen Geschehen der Region und auch überregional kaum wegzudenken war, gab es von verschiedensten Seiten Bestrebungen, das Festival wieder aufleben zu lassen. Im Zuge dieser Entwicklung formierte sich auch der Musikbegegnungen e.V., der zunächst plante, das Festival auf dem angestammten Platz in Passau fortzuführen. Die Stadtverwaltung signalisierte zunächst Zustimmung zu diesen Plänen, schwenkte dann jedoch um und Geschichte schien sich zu wiederholen: angebliche Probleme mit der gleichzeitig stattfindenden bayerischen Landesausstellung auf der Veste Oberhaus stünden der Veranstaltung im Wege, ebenso verkehrstechnische Schwierigkeiten. Lösungskonzepte zur Bewältigung des Besucherstroms, die von Musikbegegnungen e.V. entwickelt wurden, wurden von seiten der Stadt nicht berücksichtigt, möglichen Alternativen die Zustimmung verweigert. An diesem Punkt wäre, ähnlich wie schon beim ersten Open-Air 1980, lediglich der Klageweg in Betracht gekommen, um den Fortbestand des Festivals zu erwirken. Musikbegegnungen e.V. reagierte jedoch anders: Das Festival wurde kurzfristig ins knapp 30 km entfernte Hauzenberg verlegt, wo eine kooperative Stadtverwaltung einen geeignten Ersatzplatz angeboten hatte. Dieser Umzug, aus der Not geboren, erwies sich als wahrer Glücksgriff, da es so möglich war, trotz aller Kontinuität der Tradition einen echten Neuanfang in dem Sinne zu starten, dass statt der Fortsetzung eingespielter Konfliktlinien ein kooperativer Umgang mit Verwaltung und Anwohnern möglich wurde. Auch fand der neue Platz seit 2001 eine breite Akzeptanz der Besucher, die dessen besonderes Flair und seine kurzen Wege schätzen. Da es Musikbegegnungen e.V. jedoch auch daran gelegen war, ein deutliches Zeichen dafür zu setzen, daß auch in der Stadt Passau selbst gelebte alternative Open-Air-Kultur möglich sein muß, organisierte der Verein im Jahre 2002 ein kleines eintägiges Open-Air mit freiem Eintritt auf dem Thing-Platz, das von der Verwaltung nicht blockiert werden konnte. Dieses Exempel, auch auf diesem Platz wieder Musikveranstaltungen durchzuführen, wurde in der Folgezeit bereits schon von mehreren Veranstaltern aufgegriffen, so daß mittlerweile auch dort wieder kulturelles Leben herrscht.
Auch inhaltlich ist es eine Mischung aus Kontinuität und Neuanfang, die die Fortsetzung des traditionsreichen Festivals ausmacht: Trotz einer teilweisen musikalischen und künstlerischen Neuausrichtung gibt es auf vielfältige Weise auch Kontinuität.
Ingrid Irrlicht, die über lange Jahre mit ihren skurrilen Auftritten inmitten des Publikums für Action und Unterhaltung abseits der Hauptbühne sorgte, trat mittlerweile in Hauzenberg auf, ebenso die Literaturanarchisten Till Passau und Achmed Schachbrett. Subway to Sally, in Hauzenberg 2001 mit dabei, war bereits 1995 auf dem Thingplatz, genauso wie Normahl, die 2003 in Hauzenberg auftraten.
Ein neu hinzugekommener Schwerpunkt liegt auf dem Dreiländereck, wo Wert darauf gelegt wird, vor allem auch aus Tschechien Künstler mit ins Festival einzubinden.
Von der 20. bis zur 30. Edition fand so das Pfingst-Open-Air in Hauzenberg eine neue Heimat! Die Geschichte des Pfingst Open-Airs wurde im Rahmen einer Ausstellung zum 25-jährigen Jubiläum aufgearbeitet und fand regen Anklang. Im Jahr 2010 feierte das POA, wie es bei allen nur noch genannt wird 10 Jahre Hauzenberg! 2011 wurde das POA schließlich 30 Jahre alt.
Trotzdem wurde es nicht einfacher das Festival in Hauzenberg auszurichten, denn mit den Jahren jedoch wurde das Areal für ein Event dieser Größenordnung einfach zu klein und zu komplex: gerade in den letzten Jahren war uns die immer mehr aufkeimende Ungemütlichkeit schon ein Dorn im Auge. Unbequemes Shuttlebus-Fahren, unzureichend drainagierte Campingflächen am Hang, viel zu viel Zaun und zuviele Regeln sind nur einige der Umstände, die Besuchern und Veranstalter durchaus Nerven kosten konnten. Und somit ist das Pfingst Open Air zwar schon über 30 Jahre alt aber des Wanderns dennoch nicht müde: das zweite Mal in der Geschichte des Festivals ist ein Locationwechsel nötig.
Nach einer langwierigen, sich schwierig gestaltenden Platzsuche findet das POA in Zukunft auf dem Areal statt, auf dem seit zwei Jahren auch X-Roots-Festival stattfindet: das „Centro Benedetto“ im Industriegebiet von Salching Nähe Straubing. Enger aneinander liegende Zelt- und Parkflächen ohne Shuttlebusse, ebene Zeltflächen, und Musik bis spät in die Nacht sind hier die Vorteile für die Besucher. Wir hoffen, dass das Festival dort noch viele Jahre stattfinden kann.